Buch „Unzeit des Biedermeiers“

UnzeitLiebe Freunde,

es ist schon eine Weile her, dass ich mich hier auf den Kipperkarten-News und auch auf meiner Hauptseite Tarotpedia gemeldet habe, was an meiner beruflichen Auslastung liegt. Aber hin und wieder reizt es mich auch zu später Stunde, mal was loszuwerden, wie heute Abend…

Da die Bücher über das Biedermeier wirklich sehr rar gesät sind, habe ich mich entschlossen, hier eigens eine Ruprik zu eröffnen, um die wirklich lesenswerte oder nicht lesenswerte Literatur zum Thema hier vorzustellen. Ich darf schon mal mit etwas Negativem starten: Ich war ja wirklich erleichtert, als ich im Antiquariat von Amazon ein weiteres Fachbuch über diese interessante Epoche fand – aber umso enttäuschter, als ich mir das Buch näher zur Gemüte führte. Der Schnelligkeit halber veröffentliche ich hier die gleiche Rezension wie auf Amazon:

Bücher über das Biedermeier gibt es leider nur noch im Antiquariat und deshalb bin ich im Rahmen einer kulturhistorischen Recherche auf dieses Werk gestoßen, das leider – wie man es von Publikationen unter einem sozialistischem Regime zu erwarten hat – alles andere als neutral ist.

Gehetzt wird auf 400 Seiten – und das in einer Tour und ohne Unterbrechung – gegen den „feudalbürokratische Staatsadministration“, die „Besitzbürger“ und „Ausbeuter“, die „Bourgeois des Industriekapitalsimus“ die – ach, was für ein Glück! – ihre Erlösung durch den Widerpart des „politisch fähigen Proletariat auf der Straße“ finden. Egal, welche Seite man als Leser gerade nach dem Zufallsprinzip aufschlägt, es geht dabei stets um den bösen Kapitalismus und die edlen Werke von Marx und Engels.

Dass das nervt, muss ich wohl nicht erwähnen. Zu allem Überfluss wollte der Autor auch noch den Eindruck vermitteln, im 19. Jahrhundert ständig dabei gewesen zu sein – oder wie kann man sich in diesem Zusammenhang die peinlichen Versuche erklären, wenn es Begegnungen prominenter Menschen geht, die bei der Begegnung mit anderen nicht nur haargenau beschrieben, sondern wortwörtlich zitiert werden? In diesem Zusammenhang bin ich auf Seite 162 auf einen angeblich stattgefundenen Dialog zwischen dem Dichter Heinrich Heine und seinem Verleger gestoßen. Nun gut, Historiker berichten davon, dass der damalige der französische Begriff „communisme“ sich ganz rasch als Modewort in den Wortschatz der Europäer einfügte und Heine manchmal zugab, dass die „Propaganda des Kommunismus für das Volk verständlich war“ und gar „einen Reiz ausübte“. Für die Kommunisten natürlich ein guter Vorwand, die Realität zu verdrehen, auch wenn Heine in Wirklichkeit einer der wenigen Zeitgenossen war, die den Kadaver namens Sozialismus schon lange rochen, bevor er überhaupt zu stinken begann. So schrieb er beispielsweise über einen möglichen Sieg des Kommunismus: „Es wird vielleicht alsdann nur einen Hirten und eine Herde geben, ein freier Hirt mit einem eisernen Hirtenstabe und eine gleichgeschorene, gleichblökende Menschenherde!“
In der „Unzeit des Biedermeiers“ ist davon freilich kein Wort erwähnt und es wird sich alles zurechtgelogen: „… und auch aus dem wehmutsvollen, aber ironisch aufgebrochenen Erlebnisgrund der Heineschen Gedichte stieg schon etwas vom Vorgefühl einer erhofften anderen Zeit mit auf.“

Zugegebenermaßen hat mich der Titel beim Kauf leider nicht stutzig gemacht (und die Daten zur Erstveröffentlichung – 1985 in Leipzig – hab ich zu spät gesehen) Außerdem kann es ja durchaus sein, dass auf der Suche nach einem Werk, das Einblicke in die Frühindustrialisierung gibt, auch die Schattenseiten der Epoche in Politik, Kunst und Kultur aufgegriffen werden – dies gilt explizit für das Zeitalter der beginnenden Industrialisierung und des jungen Kapitalismus, die bekanntlich alles andere als human war. Doch spätestens bei Werken dieser Art sollte es auch Grünen- und Linken-Wählern eigentlich klar sein, was es mit so einem Regime überhaupt auf sich hat. Die Sympathien für diese linken Parteien resultieren vielleicht auch daraus, dass die Menschheit elegant auf die Vorzüge des Kapitalismus zurückgreift und den Kommunismus schönredet, ohne ihn wirklich erlebt zu haben und zeitgenössische „Literatur“ aus dem Kommunismus zu lesen!

Ich gebe an dieser Stelle zu, dass ich das Werk nicht ganz gelesen habe und das auch nicht tun werde, da es aus den genannten Gründen kaum auszuhalten ist. Sicher ist auf alle Fälle eines: über Kunst oder Kultur erfährt man in diesem 400-Seiten-starken Werk (bis auf ein paar Bildtafeln) leider nichts, wirklich rein gar nichts… Stattdessen handelt es sich hier um die typische Propaganda eines linken Regimes, das mir zutiefst zuwider ist.

Mein Tipp an dieser Stelle: „Die Welt des Biedermeiers“ von Günter Böhmer, ebenfalls hier auf Amazon erhältlich.