Das Wohnzimmer in der Zeit des Biedermeiers (1815 – 1848)

Die Kipperkarten sind während der Zeit des Biedermeiers entstanden. Auch wenn die Karten Behaglichkeit und Ruhe ausstrahlen – wie viele Illustrationen oder Gemälde aus dieser Zeit -, war dies dennoch keine ruhige Epoche, sondern vielmehr eine Zeit der Aufständischen, die von politischen Unruhen (deshalb auch die Bezeichnung „Vormärz“) betroffen waren. 

Hatten die Deutschen vorher noch Napoleon erfolgreich vertrieben, wurden nun im Wiener Kongress 1815 die Grenzen innerhalb Europas neu festgelegt. Ähnlich der heutigen EU berieten und entschieden nun die einflussreiche Vertreter aus rund 200 europäischen Staaten über das Schicksal des Kontinents. Die Menschen in Deutschland begannen, gegen die Unterdrückung aufzubegehren und ihren Unmut kundzutun. Parallelen zur heutigen Zeit sind dabei nicht zu leugnen. Die aufkeimenden Unruhen, aber auch die politischen Unzufriedenheit und die politische Ungerechtigkeit sowie die Tatsache, dass führende Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Bildung gemaßregelt und mit „Sprechverbot“ belegt wurden, waren vermutlich der Grund dafür, dass sich immer mehr Menschen in die  Häuslichkeit  zurückzogen und als einzige kulturelle Unternehmungen die Hausmusik pflegten und die Kinder Musikunterricht bekamen. Gelesen wurde, sofern möglich, in den entsprechenden „Salons“. In Kunst und Kultur war die Biedermeierzeit eine romantische Zeit, sie brachte die Musik von Franz Schubert hervor. Ebenso lässt auch der revolutionäre Zeitgeist feststellen, beispielsweise der versteckte Sarkasmus in den Bildern von Spitzweg, der sich über die Eigenheiten seiner Zeitgenossen lustig machte, sowie die für damalige Verhältnisse anarchistisch anmutenden Geschichten von Wilhelm Busch.

Wenn also eine „Süddeutsche Zeitung“ das heutige Deutschland herablassend als „Neobiedermeier“ bezeichnet und ihm in diesem Zusammenhang Innovations-feindlichkeit attestiert, dann ist das nicht nur Irrtum, sondern auch schlichtweg komplett falsch: Die Zeit des Vormärz bzw. Biedermeiers war in erster Linie ein Lebensstil, aus der schließlich ein Kunststil wurde. Des weiteren war es eine Zeit der Vorbereitung für einen Aufbruch in eine neue Zeit, die dramatischen epochalen Wandel brachte in Form der Industrialisierung, politischer Umbrüche, der Entstehung der Arbeiterklasse und der Erstarkung des Bürgertums. Die Kipperkarten thematisieren eindeutig dieses Bürgertum, was der heutigen Mittelklasse entspricht, wie sich aus den zahlreichen Personenkarten erkennen lässt.

Paul_Graeb_Berliner_Zimmer_1865-1Der Wunsch nach Ruhe und Rückzug in einer vorrevolutionären Zeit ist also in den Kipperkarten sehr klar erkennbar: Die meisten „Szenen“ spielen sich innerhalb der eigenen vier Wände ab; im Gegensatz zu den Lenormand-Karten, die auch Symbole aus der Landschaft enthalten (z.B. Berg, Klee, Park) werden in den Kipperkarten hauptsächlich Personen, Gebäude und Räumlichkeiten thematisiert (öffentliche Belange kommen hauptsächlich in Verbindung mit der Justiz vor – durch die Karten „Gericht“, „Gefängnis“ und „Gerichtsperson“ -, die in jener Zeit eine nicht unwesentliche Rolle spielte; dazu bei Gelegenheit mehr). So entstand das „Wohnzimmer“ in jener Zeit – es war also eine Erfindung des Biedermeiers und wurde in bürgerlichen Kreisen „die gute Stube“ und in der reichen Oberschicht „Salon“ genannt. Das Mobiliar war zunächst sehr einfach, doch der Bürger aus der Mittelschicht konnte somit zeigen, was er hatte: Das Wohnzimmer bestand in der Regel aus einer Polstergarnitur, einem Beistelltisch und einer Schrankwand. Wer etwas auf sich hielt und es sich leisten konnte, kaufte sich ein Sekretär. Das Wohnzimmer wurde möglichst hell gehalten. Der Kamin im Wohnzimmer bildete normalerweise die zentrale Stelle des Hauses und wurde in der Neuzeit durch den Fernseher abgelöst. Wie bereits erwähnt, spielte die Hausmusik im Biedermeier eine große Rolle, musiziert wurde also auch im Wohnzimmer. „Automatisierte“ Musik kam in den 1920er Jahren hinzu, als das Grammophon mit einzog. Die Struktur des Wohnzimmers hat sich also bis heute nicht verändert, es ist nach wie vor nicht nur der größte, sondern auch der wichtigste Raum des Hauses und der zentrale Ort für Arbeiten, Entspannung, Besuchsempfang oder Familienaktivitäten.

Biedermeier-Wohnzimmer-Wiki1Historiker meinen, dass die politische Situation des Biedermeiers ebenfalls ein Grund war, weshalb in dieser Zeit keine neue Architektur entstand. Doch dafür bildete sich innerhalb der vier Wände ein ganz neuer Wohnstil durch Möbel mit geschwungenen Formen und gemusterten Tapeten. Dieser Stil zieht sich durch alle Kipperkarten und ist auch heute noch unter dem Begriff „Biedermeier“ populär.

Anhand dieses historischen Hintergrundes lässt sich auch eine Bedeutung der Karte „Wohnzimmer“ ableiten: Es geht hier nicht nur um die zentrale Stelle des Hauses, sondern auch um die Wohnung als solches, ebenso um den Privatbereich bzw. die Privatsphäre. Darüber hinaus beschreibt das „Wohnzimmer“ alles was räumlich und zeitlich „nah“ ist. Es geht hier also um eine Karte, die auch Zeitcharakter hat und alle in Kürze stattfindenden Ereignisse symbolisiert. Last but not least steht diese Karte auch einfach für ein Zimmer; je nach Kombinationskarten kann sie also private oder öffentliche Räumlichkeiten beschreiben. In Verbindung mit Karte Nr. 31 „Kurze Krankheit“ steht sie beispielsweise für das Krankenzimmer oder das Schlafzimmer. Gemeinsam mit Nr. 36 „Hoffnung großes Wasser“ kann die Karte sowohl ein Zimmer mit Wasser (z.B. Badezimmer, Schwimmbad) als auch einen Meditationsraum beschreiben.

Bilder: Biedermeier-Wohnzimmer aus Wikipedia sowie Original-Kipperkarte um 1900 (s.u.).

 

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