Über die Karte Nr. 19 „Ein Todesfall“

Nr. 19-1Ich wurde heute um eine differenziertere Betrachtungsweise zur Karte Nr. 19 „Ein Todesfall“ gebeten, und zwar in Zusammenhang mit der Frage, ob er auch positive Seiten hätte. Nun, eines kann ich gleich vorweg festhalten: Positiv ist der „Todesfall“ höchstens dann, wenn es um ein Thema geht, von dem man sich gerne verabschieden bzw. um eine Sache die man gerne loshaben möchte. Einige Fragen könnten beispielsweise sein: „Wann habe ich diesen Freund endlich wieder los?“  oder „Bekomme ich bald endlich die lang ersehnte Kündigung?“ Nun fragt man normalerweise nicht auf diese Art und Weise, sondern man erkundigt sich ja bekanntlich nach Dingen, die einem am Herzen liegen und möchte gerne ein „Ja“ zur Antwort. Und die Fragen lauten stattdessen vielmehr: „Bessert ich meine Beziehung wieder?“ oder „Habe ich Aussicht auf eine neue Beziehung?“ bzw „Bekomme ich bald einen neuen Job?„oder „Wann hat das berufliche Elend ein Ende?“ Mit anderen Worten: Man befragt die Karten nach Dingen, Personen oder Situationen, die einem am Herzen liegen, was eigentlich auch normal ist. Der Mensch fragt nach dem Ja, nach dem Leben und der Befürwortung. Er strebt nach dem Positiven, möchte sich im positiven Sinne weiterentwickeln und hat ein positives Ziel vor Auge. Demzufolge fragt er automatisch nach jenen Dingen, die auf ihn zukommen und auf die er eine Chance hat – und nicht nach jenen, die nicht zu ihm kommen oder wieder verschwinden. Und dies ist der Grund, washalb diese Karte normalerweise als negativ empfunden: sie verneint.

KerzenDoch selbst wenn die Fragestellung so negativ wäre, würde ich Vorsicht bei der Interpretation walten lassen – warum?  Wie bereits angedeutet, beantwortet der „Todesfall“ die Fragen mit einem klaren „Nein“. Während die Karte Nr. 24 „Diebstahl“ meist nur eine Minderung oder Reduzierung anzeigt, steht der „Todesfall“ für die Negierung, er ist also der Negativpol zur gestellten Frage. Wenn also die Frage „Bekomme ich bald endlich die lang ersehnte Kündigung?“ lautet, dann kann die Antwort ebenso ein klares „Nein“ sein – und wäre dann die Karte „Todesfall“! Diese Karte konfrontiert uns nämlich mit den dunklen Seiten des Lebens. Je nachdem, wo „Ein Todesfall“ hinfält und welche Karten er in der Großen Tafel berührt, zeigt er auf, dass wir uns von Ideen verabschieden müssen und den Weg des Verzichts gehen müssen.

Bei Diskussionen im Internet erlebe ich leider  nicht selten, dass diese Karte wunschgemäß zurechtgebogen, schöngeredet oder relativiert wird – das gilt übrigens auch für die „verwandten“ Kartenorakel, wie den Lenormandkarten (der Todesfall entspricht hier der Karte „Sarg“) oder dem Tarot (ähnliche Karte ist hier „XIII Der Tod“).  Doch diese Relativierung ist oft absolut inakzeptabel. Und die Karte im Nachhinein zurecht zu „frisieren“ ändert leider nichts an der Grundaussage und an der ursprünglichen Frage, auf die die Karten ernsthaft geantwortet haben. Ich muss gestehen und offen aussprechen, dass es in diesem Zusammenhang nichts Schlimmeres gibt als liebeskranke Frauen oder Frauen, die sich eine Liebesbeziehung einreden, die gar keine Beziehung ist und vom Kartenleger etwas hören möchten, was an der Realität vorbeigeht: Da wird „Ein Todesfall“ beispielsweise dahingehend interpretiert, dass „das Leiden endlich ein Ende“ hat. Ja, sogar als der „erlösende Kuss“ wurde diese Karte gedeutet. Sorry, aber dann würden das Kartenbild definitiv anders aussehen. Ich habe mich nicht immer mit meinen ehrlichen Interpretationen beliebt gemacht, aber es liegt mir nun mal mehr daran, auf die Wahrheit hinzuweisen: Nein heißt nun mal nein und es ändert sich leider auch nichts daran, wenn ich schnell mal die Perspektive wechsel oder im Nachhinein die Fragestellung an die Karten ändere, indem ich nach dem Elend frage. Mit anderen Worten: Der Todesfall kündigt alles andere als eine Liebesbeziehung an, wenn er mit der Karte Nr. 15 „Guter Ausgang in der Liebe“ erscheint oder erbarmungslos das Haus der „Männlichen Hauptperson“ besetzt.

SargZweifellos kann „Ein Todesfall“ aber auch  neutral sein. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn er Gegenstände oder Situationen auf der grobstofflichen, also materiellen Ebene anzeigt. Generell steht der „Todesfall“ für alles Dunkle, deshalb kann er einfach nur für die Nacht als solches stehen. Das Finstere beschreibt der „Todesfall“ auch im gesellschaftlichen Leben, er steht für die Gothic-Szene und alles Gruselige. Auch okkulte Praktiken sind Themen, die im Kartenbild meist durch diese Karte angezeigt werden. Gehen wir von hier aus noch einen Schritt weiter, dann erkennen wir, dass diese Karte auch alle Tabus versinnbildlicht und deshalb verdrängte Themen beschreibt, die uns normalerweise Angst machen. Und das ist meist auch die eigene Vergänglichkeit; dazu gehören Themen wie das Altern oder alles, was mit dem Tod zu tun hat,  wie beispielsweise Beerdigungsinstitute, Särge o.ä.  Last but not least steht der „Todesfall“ natürlich auch für die unbekannte Anderwelt, also das Jenseits.